NoBorderKitchen Lesvos

Lesvos, No Border Kitchen Camp, 2.1.2016

Als ich eine Tour für MaharCar (eine örtliche Verteilgruppe) machte, stieß ich auf die NoBorderKitchen. Sie besteht aus linken Leuten, die ein Camp für illegalisierte Menschen überwiegend aus Marokko und Algerien aufgestellt haben. Die Anzahl der Leute, die sich dazu entscheiden, bei uns zu bleiben, variiert von 15 zu 70, jede_r kommt und geht, wie er_sie will.

Der Plan ist, in Solidarität in einem Camp am Strand im Süden der Insel zu leben: Wenn die Sprachkenntnisse es erlauben, werden alle wichtigen Aufgaben gemeinsam organisiert und durchgeführt. Wir teilen uns alle Aufgaben – vom Verteilen von Kleidung über Essenmachen und die Organisation der Infrastruktur des Camps hin zum Putzen. Wir haben Treffen mit dem gesamten Camp, um uns gegenseitig unsere Bedürfnisse und Sorgen mitzuteilen. Aber wir haben auch gemeinsam Silvester in einer großen Gruppe gefeiert, mit gewürztem Früchtetee, Kuchen und einigen Trommeln, zu denen wir getanzt und gesungen haben.

Dass wir wissen, dass die Menschen, die mit uns im Camp leben, hier ohne Zugang zu den Privilegien, die SIA-Refugees haben, feststecken, macht uns bewusst, in welcher Situation sie sich befinden. Illegalisiert zu sein bedeutet, dass man in ständiger Bedrohung lebt, sich so viel wie möglich versteckt, keinen Zugang zu den „normalen“ Einrichtungen, die für Menschen auf der Flucht bereitgestellt werden, hat, und das, obwohl man ebenso sehr wie jede_r andere Refugee im eigenen Herkunftsland gelitten haben mag. Aber offensichtlich hatman nicht dieselben Rechte, sondern nur Benachteiligungen und Verfolgung, die auf einen warten.

Meine täglichen Aufgaben sind vielfältig: Ich sortiere die benutzte Kleidung aus den verlassenen Zelten, koche und bestelle neues Essen, suche nach alternativen Schlafplätzen für extremely vulnerable refugees (die Kranken, Alten und Kleinsten), knüpfe Kontakte zur Unterstützung unseres Camps (wozu etwa ein Ort, an dem man die deutschen Gasflaschen auffüllen kann, oder einer, an dem man günstige Gasheizungen, mit denen man Zelte an der magischen Grenze um null Grad warm halten kann, bekommt, gehören) und ähnliche Dinge. Ein anderer großer Bereich sind die psychologische Unterstützung und die Suche nach sicheren Passagen nach Europa.

Gestern habe ich mit einem Flüchtenden gesprochen, der offizielle Papiere von der Polizei bekommen hatte, obwohl er aus Marokko kommt. Das hat mich stutzig gemacht, denn diese „weißen Papiere“ werden normalerweise nur SIA-Refugees gegeben; anderenfalls sind es Fälschungen, die zu unterschiedlichen Preisen verkauft werden. Ich erkundigte mich bei einem anderen Camp namens Pikpa, das für syrische Flüchtende mit besonderen Bedürfnissen und Familien errichtet worden ist. Tasha, der ich bei Informationen über illegalisierte Refugees vertraue, erzählte mir von einem neuen Gerücht: Weil es keine Kapazitäten zur Festnahme von marokkanischen und algerischen Refugees auf der Insel mehr gibt, werden Papiere für die Fährfahrt nach Athen ausgegeben. Was dabei nicht erzählt wird, ist, dass auf der Fähre oder im Hafen von Athen die Papiere kontrolliert werden und bei Nicht-SIA-Refugees Pushbacks in die Türkei oder die Herkunftsländer durchgeführt werden.

Wie ich oben schrieb, hatten wir an Silvester eine schöne Party für das ganze Camp. Obwohl 40-50 Leute abgereist waren, um eine Fähre nach Athen zu nehmen, entschieden sich manche dafür, beim No Border Kitchen Camp zu bleiben. Die Party hat die Atmosphäre deutlich verändert, wir sind uns sehr viel näher gekommen. Da ich erkannt habe, wie wichtig es ist, ein Leben in Solidarität zu leben und allen Menschen das Gefühl, das wir als Basis für ein selbstbestimmtes Leben ansehen, zu geben, bin ich jetzt noch dankbarer, als ich vorher schon war.

Danke für die Unterstützung, die ich brauche, um hier aktiv zu sein. Und, noch wichtiger, danke für das Gefühl, dass wir im Kampf gegen die Festung Europa nicht allein sind.
FIGHT FORTRESS EUROPE!

Lesvos, No Border Kitchen Camp 2nd Jan 2016

While making a tour for MaharCar (the local distribution group) I bumped into the NoBorderKitchen. They are a crew of left-wing people who set up a camp for illegalized people mostly from Morocco and Algeria. The numbers of people who choose to stay with us differ from 15 to 70, with people staying and leaving as they prefer.

The plan is to live in a camp in solidarity on the beach in the South of Lesvos : if the language allows it all necessary tasks are being done and organized together. From clothing distribution or preparing the food or organizing the camp’s infrastructure to cleaning we are sharing the tasks. We are having meetings with the whole camp to stay informed about the needs and worries everybody has. But we also celebrated New Years Eve in a big group, having spiced, fruity tea, cake and some drums to sing and dance to.

Knowing that the people who are staying in the camp with us are stuck in here without any access to the privileges SIA – refugees have keeps us aware of the situation they are living in. Being illegalized means a constant threat, hiding as much as you can, no access to the “normal” facilities which are granted to refugees and realizing that you might have suffered as much as any other refugee in your homecountry. But obviously you don’t have the same rights, only disadvantages and persecution waiting for you.

My daily business spans from sorting out the used clothes from the abandoned tents, preparing and ordering new food, checking out alternative places to sleep for extremely vulnerable refugees (the sick, old and smallest of them), making connections to support our camp (where to find a place to refill the german gas bottles for example or cheap gas radiators to heat the tents at temperatures around the magic line of zero degrees) and similar things. Another big issue is the psychological support and gathering informations to find safe passages to Europe.

Yesterday I was talking to a refugee who received official registration papers from the police even though he is from Morocco. This made me curious since these “white papers” are normally only given to SIA-refugees or are faked ones sold for differing amounts of money. I inquired at another camp, named Pikpa, which has been set up for Syrian refugees with special needs and families. After asking Tasha there, whom I trust when it comes to information about illegalized refugees, she told me a new rumor: since there are no capacities for arresting Moroccans and Algerians on Lesvos anymore. Therefore they give them papers who allow them to travel on a ferry to Athens. What they don’t tell is that the people will then be checked on the ferry or in the port of Athens to push the non-SIA refugees back to Turkey or their native countries.

Some bittersweet informations as well: as I reported earlier we had a nice Party for the whole camp for New Year’s Eve. Even though 40 or 50 people left for a ferry to Athens, some decided to stay with the noborderkitchen camp. The party changed the atmosphere a lot, we became much closer than before. Realizing how important it is to lead a life in solidarity and giving all the people the feeling that we prefer to provide the basis for leading a life of self-made decisions, I am even more grateful than I was before.

Thank you people, for providing the support I need to be engaged here. And what is even more important, giving me the feeling that we are not alone on that quest to
FIGHT FORTRESS EUROPE!