Winter in Mazedonien

03.01.2015 Skopje, Mazedonien

Es ist verdammt kalt geworden in Mazedonien. Seit Neujahr herrschen nachts lebensfeindliche Temperaturen von bis zu – 15°C.
Jeden Tag passieren tausende Menschen die griechisch-mazedonische Grenze. Ihr Ziel: Deutschland, Frankreich, die skandinavischen Länder. Die Gründe sind mannigfaltig, doch stets triftig: Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung, perspektivenloser Armut.
Und die Reise ist lebensfeindlich und -gefährlich, oft entwürdigend, kraft- und geldraubend.

Ich bin seit anderthalb Wochen in Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens. Und es fühlt sich schon sehr viel länger an. Denn die Realität, auf die Flüchtende hier treffen, ist für mich schwer zu akzeptieren. Ein kurzer Bericht zur Flüchtendenlage in Mazedonien:

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Schon wer Mazedonien als eine_r der “SIA”-Flüchtenden durchqueren will, also als Mensch, den seine Papiere als Syrier_in, Iraker_in oder Afghan_in ausweisen, muss dieser Tage viele Stunden mit Warten in der Kälte verbringen. Auf einer Tankstelle bei Polykastro, Griechenland, stehen lange Reihen von Bussen, in denen die Menschen bis zu zwei Tage lang darauf warten, zur Grenze nach Idomeni vorgelassen zu werden. Inzwischen wurden einige unbeheizte Zelte dort aufgebaut. Das eigentliche Camp, Idomeni, das im Dezember geräumt worden war, in dem noch immer Zelte stehen, steht scheinbar derweil leer (@MSF_Sea, 02.01.2016; twitter) gerade einmal 20km von dort entfernt. Die Menschen werden dort auf ihre Papiere kontrolliert. Wer nicht zur SIA-Kategorie gehört, wird dort aussortiert.
Die Kontrollen sind angeblich scharf – auch Menschen mit tatsächlich syrischen Papieren sollen dort schon wegen Fälschungsvorwürfen abgewiesen worden sein.
Für die Flüchtenden mit den “richtigen” Papieren geht die Reise dann zu Fuß etwa 1,5 km bis nach Gevgelia in Mazedonien weiter. Dort werden ihre Papiere erneut überprüft. Der legale Weg derzeit ist die Fahrt mit den staatlichen, langsamen und unbeheizten Zügen, die mit bis zu 1300 Leuten oft überbesetzt sind. Die Zugfahrt, die regulär etwa 6 Euro kosten würde, kostet Flüchtende 25 Euro pro Person. Durch die Streiks der Taxifahrer_innen haben sich die Wartezeiten in den letzten Wochen teilweise extrem verlängert. Diese Streiks sind eine Reaktion auf das Verbot, Flüchtende zu transportieren. Wie Supporter aus Gevgelia berichten, werden Taxifahrten inzwischen ausnahmsweise erlaubt. Das Camp ist geschlossen, nur wer eine entsprechende Zulassung hat, kann das Camp als Supporter betreten. Es gibt zwar genug Freiwillige und Nahrung, es mangelt allerdings an beheizten Räumen, Winterkleidung und Schuhen. Local supporters tun ihr Bestes, um auch Leuten weiterzuhelfen, die das Geld für die Fahrkarte nicht aufbringen können.
Die Zugfahrt endet schließlich im Camp Tabanovce, einer Bahnstation in der Nähe der nördlichen, mazedonisch-serbischen Grenze. Dort werden die Menschen mit Nahrung und einem Minimum an Winterkleidung ausgestattet, doch auch hier mangelt es an Schuhen und Kleidung. In Gruppen werden die Menschen schließlich die 2 km zu Fuß über die Grenze geschickt.
Gerade nachts und über die Feiertage ist die Arbeit im Camp weitestgehend durch Freiwilligenarbeit abgedeckt.
Schon diese Reise ist kraftzehrend – besonders für Kinder und alte Menschen. Supporter_innen in Tabanovce zufolge soll der Anteil von Kindern und Frauen unter den Flüchtenden seit einiger Zeit deutlich angestiegen sein.

Aber was passiert mit denjenigen, denen bereits in Idomeni der Zutritt nach Mazedonien verwehrt wird?
Eine Option ist die Rückfahrt mit dem Bus nach Athen – für die die Busfahrer oft noch versuchen 20 Euro zu berechnen. Diese Option bietet kaum Alternativen, da das Asylverfahren in Griechenland mangelhaft ist und der Arbeitsmarkt wenig aussichtsreich. Gelegentlich bleiben Flüchtende dennoch im Land, um sich Geld für die Weiterreise zu verdienen und sind aufgrund ihres Aufenthaltsstatus gesteigerter Gefahr von Ausbeutung ausgesetzt.
Die andere Option ist die “grüne Grenze” und die Durchquerung Mazedoniens mithilfe von Schleppern oder zu Fuß durch das Land. Der Weg ist gefährlich. Immer wieder berichten Flüchtende von Gewalt, Raub und Auslieferung an Behörden. Werden diese illegalisierten Flüchtenden von der Polizei aufgegriffen, droht Abschiebung zurück nach Griechenland oder Haft im Gefängnis “Gazi Baba”. Die Berichte über Gazi Baba gehen auseinander – mazedonische Aktivist_innen berichten, dass über die Vorgänge im Gefängnis kaum Informationen zu gewinnen sind. Laut mazedonischen Supporter_innen werden vor allem Flüchtende nach Gazi Baba gebracht, die im Zusammenhang mit Trafficker_innen aufgegriffen oder als Opfer von Straftaten aufgegriffen wurden. Die Flüchtenden werden dort über mehrere Wochen festgehalten, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Über ihren anschließenden Verbleib gehen die Berichte auseinander: Entweder werden sie an das Asyl Centre in Skopje weitergegeben, freigelassen oder abgeschoben. Laut mazedonischen Supporter_innen, die in Zusammenarbeit mit MYLA, der “Macedonian Young Lawers Association”, stehen, gibt angeblich in Mazedonien keine Rechtsgrundlage, auf der illegalisierten Flüchtenden geholfen werden könnte. Die Möglichkeit in Mazedonien Asyl zu beantragen besteht zwar, allerdings berichteten Flüchtende, die gegenüber der Polizei angaben, Asyl beantragen zu wollen, dass ihnen dies verwehrt wurde und sie dennoch abgeschoben wurden.

Flüchtenden, die abseits der dafür vorgesehenen Züge von Gevgelia nach Tabanovce die Züge nutzen wollen, laufen Gefahr, von der Polizei verhaftet zu werden. Die Bahnangestellten und Behörden scheinen zusammenzuarbeiten. Es wurden Flüchtenden Zugtickets zu dem erhöhten Preis von 25 Euro ausgestellt, dann wurden sie in Veles von der Polizei verhaftet und abgeschoben. Anderen Berichten zufolge fahren Polizist_innen bereits in den Zügen mit.
Mehrfach erzählten Flüchtende, dass sie von Taxifahrer_innen der Polizei ausgeliefert oder ihnen von diesen Papiere und Geld abgenommen wurden.

In den Gruppen, die das Land durchqueren, befinden sich teilweise sogar Minderjährige ab etwa 14 Jahren.

Die mazedonische Bevölkerung scheint teilweise lückenhaft informiert über die Lage der Illegalisierten, was mit den wechselnden Durchreisebestimmungen über die letzten Jahren zu tun haben könnte. Das Narrativ in den Medien unterscheidet zwischen den “legitimen” Flüchtenden der SIA-Länder und den “ökonomischen Flüchtlingen”, denen die Einreise verwehrt wird. Hinzu kommt, dass die illegalisierten Flüchtenden rechtlich kriminalisiert werden. Mehrfach bestätigten mazedonische Supporter_innen, dass jegliche Kontaktaufnahme und Hilfe gegenüber illegalisierten Flüchtenden kann als Mithilfe bei einem kriminellen Akt ausgelegt werden und zu Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren führen. Darunter fällt auch das Verteilen von Hilfsgütern oder vorübergehende Unterbringung. Dies scheint allerdings nicht allgemein bekannt zu sein. Durch diese rechtliche Situation laufen vor allem lokale Supporter_innen, die illegalisierte Flüchtende unterstützen, Gefahr, ebenfalls kriminalisiert zu werden. Vor allem Trasport, sogar in Notfällen, wie etwa der Transport von Flüchtenden zum Krankenhaus, kann rechtlich geahndet werden.
Sogar Ärzt_innen in Krankenhäusern sind rechtlich verpflichtet, Flüchtende der Polizei zu melden.

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Es schneit heute in Mazedonien. Ich denke an den Jungen, den ich an der nördlichen Grenze Mazedoniens getroffen hatte. Er war vielleicht 15 Jahre alt und in einer Gruppe mit einigen Männern unterwegs. Er sah sehr erschöpft aus und hatte Fieber. Zehn Tage seien sie gelaufen, sagte er. Als ich ihn fragte, ob sie sich ausruhen wollen würden, antwortete er nur, dass sie auf direktem Wege nach Belgrad wollten. Zum Roten Kreuz trauten sie sich nicht – vielleicht würde man sie dort den Behörden ausliefern. Was sie tun könnten, fragten sie, sie hätten ihre Papiere verloren.

Es fällt mir so schwer zu akzeptieren, dass das gerade real ist. Das Menschen systematisch Lebensnotwendigestes verwehrt wird. Und mehr noch:
Dass dieses Gespräch illegal war. Ihm Paracetamol und Vitamine verborgen zuzustecken illegal war. Dass Menschen medizinische Hilfe zu leisten und mit Nahrung zu versorgen illegal ist. Dass Jugendliche, Kinder, abgeschoben werden, teilweise sogar im Abschiebeknast sitzen. Dass Flüchtende auf der Straße zusammengeschlagen werden und im Krankenhaus als erstes von der Polizei verhört und dann abgeschoben werden.

Ich war lange wütend. Gerade bin ich nur erschöpft. Aber es muss weitergehen. Draußen schneit es. Und dennoch laufen in diesem Moment Menschen durch Mazedonien, die keinen anderen Weg für sich sehen.
Darum muss die Arbeit weitergehen.
Letztlich ist es die EU, die von diesen Regelungen profitiert. Ein politischer Wandel muss her. Die Grenzen zwingen Menschen in diese schlimme Situation, in der sie all ihren Besitz, Leib und Leben aufs Spiel setzen um ein Leben in Sicherheit und mit Perspektiven führen zu können.

Solidarische Grüße,
M.
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[English translation of a shorter version:]
It has got cold in Macedonia. From new Year until now the temperatures during the night are at the life-threatening level of down to -15°C. Every day, thousands of people cross the Greek-Macedonian border. They head towards Germany, France, the Nordic countries. Their decisions to migrate base on numerous different, yet always sensible reasons: flight from war, political persecution, poverty without perspectives. And their journey is hostile to life and puts their lives into danger, many times degrading, sapping strength and swallowing savings.

For the last three weeks, we have been touring in Macedonia. And it feels much longer – the reality that the people are encountering here on their flight, is hard for me to accept. Especially regarding the „non-SIA refugees“, which is the name for persons whose legal documents do not prove an origin from Syria, Iraq or Afghnistan.

I think of the boy whom I have met at the Northern border of Macedonia. He was around fifteen years old and travelling within a group of some men. He looked very exhausted and had a fever. He told me that they had walked for ten days. When I asked him whether they wanted to have a rest, he just answered that they directly wanted to go to Belgrade. They did not dare go to the Red Cross – maybe they would have been delivered to the authorities. They asked me what they could do and told me that they had lost their papers.

The illegalized non-SIA refugees are facing another reality than the SIA refugees. At this time there is no legal landroute from Greece to Central Europe for them. But what happens with those who are already denied entry to Macedonia at the Northern border of Greece, in Idomeni?

The official procedure means going back to Athens by bus – for which the bus drivers often try to charge 20 euros. An application for asylum in Greece does not offer good perspectives for the future: the procedure in Greece is faulty, and it is unlikely to get work. In case refugees stay in the country nonetheless they are always in risk of being exploited because of their residence status.

The second option is the „green border“ and crossing Macedonia by aid of smugglers or by foot across the country. Walking Macedonia takes 5-10 days. The track is perilous. Not only do temperatures below zero, snow and rain work their exacerbating powers on the people’s bodies. Many a time refugees are reporting about violence, deprivation, and extradition to the authorities. When the illegalized refugees are seized by the police they are facing the danger to be repelled to Greece or to be imprisoned in „Gazi Baba“. Reports about this prison do not cohere – Macedonian activists report that informations about the ongoings within its walls are hard to get. According to them, mainly refugees seized in the context of refugee smugglers (meaning local facilitators of the flight) or as victims of crimes are brought to Gazi Baba. The refugees are being kept there for several weeks until the trials are done.
Macedonian supporters cooperating with MYLA, the „Macedonian Young Lawyers‘ Association“, say that there is no legal basis on which illegalized refugees could be helped. Although there is the possibility to apply for asylum in Macedonia refugees report that they had been denied application by the police. They were pushed off the country.

Illegalized refugees do not have the possibility to travel in the state-owned trains reserved for legalized SIA refugees. These trains are not heated, overpriced and oftentimes overcrowded, but go across the country from border (Gevgelia) to border (Tabanovce). When the non-SIAs use the regular trains they have a high risk of being cought by the police – the train personnel seem to cooperate with the authorities. Thus refugees have been issued tickets by the increased price of 25 euros per person and seized a few stations later in Veles to be expelled from the country. Often refugees reported that taxi-drivers had handed them over to the police or taken their papers and money.

In the groups crossing the country there are sometimes even minors of around 14 years and older.

Macedonian residents do not seem to be entirely informed about the situation of the illegalized people, which may be due to the changing transit-regulations of the last years. The media’s narrative distinguishes between the „legitimate“ refugees from the SIA-countries and so-called „economic refugees“, who are denied entry to the country. On top of that, illegalized refugees are criminalized. Often Macedonian supporters confirmed that any contact to and support of illegalized refugees could be interpreted as assistance in a criminal act. This means imprisonment up to five years. This pertains to distribution of relief supplies or the temporary grant of shelter. Because of this legal situation, especially local supporters risk being criminalized themselves. Particularly transport, even in cases of emergency (e.g., transporting refugees to a hospital), can be punished legally. Doctors in hospital are obliged to report refugees to the police.

Accepting this for real is hard for me. Accepting that men, women and children are systematically denied the most vital needs. And even more: It is hard to accept that talking with the sick boy who had walked through Macedonia was illegal. That giving medical aid and food to people is illegal. That adolescents and children are expelled, that some of them are in detention centres. That refugees are beaten up on the streets only to be interrogated by police on their arrival at the hospital and expelled.

I have been irate a long time. Right now I am only exhausted. Still, it must go on. It is snowing outside. And yet there are people walking through Macedonia right now, people who do not see any other way for themselves.
This is why we have to carry on.
In the end, it is EU who profit from these regulations. We need a political change. It is the borders that force people into this fierce situation, in which they put all their belongings, the lives and limbs at stake to live a life in safety and with perspectives.